Direkt zum Inhalt | Zur Hauptnavigation | Zur Seitennavigation | Zur Dokumentenliste



Drucken | Kommentieren | Lesezeichen setzen


Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg (1890-1918)

1888 wird Wilhelm II. Kaiser. Er gerät in Konflikt mit Bismarck, da er den Arbeiterschutz weiter ausbauen will, während Bismarck dies aus wirtschaftlichen Bedenken ablehnt. 1890 beschließt der Reichstag, das Bismarcksche Sozialistengesetz nicht mehr zu verlängern, da der Versuch gescheitert sei, die Arbeiterbewegung durch Repression zu bändigen. Der Konflikt zwischen Wilhelm II. und Bismarck über die soziale Frage führt im März 1890 zu Bismarcks Entlassung.

Wilhelm II. setzt seine Vorstellungen mit dem am 1. Juni 1891 verabschiedeten "Arbeiterschutzgesetz" durch. Es enthält das Verbot der Sonntagsarbeit in der Industrie sowie die Begrenzung in Handel und Gewerbe auf fünf Stunden, den Maximalarbeitstag von elf Stunden für Frauen sowie das Verbot der Nachtarbeit für Frauen und Kinder unter 16 Jahren. Auch lässt es erstmals die Arbeitnehmervertretungen in Betrieben zu. Diesem ersten Ansatz einer innerbetrieblichen Mitbestimmung stehen jedoch Behinderungen beim Streikrecht gegen­über.

Der Versuch, mit dieser Schutzgesetzgebung die Arbeiter von der Sozialdemokratie zu trennen, misslingt. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes entfaltet sich die SPD, wenn auch unter argwöhnischer polizeilicher Beobachtung, im ganzen Reich. Nachdem sich die Partei de facto von ihrem revolutionären marxistischen Gedankengut verabschiedet hat, steigt sie bis 1912 zur stärksten Fraktion im Reichstag auf. Die SPD sammelt ihre Anhänger in zahlreichen Vereinen und schafft damit eine "Gegenkultur" der Arbeiter zur bürgerlichen Gesellschaft.

1897 wird Graf Posadowsky-Wehner Staatssekretär im Reichsamt des Innern und Vizekanzler. Er verfolgt das Ziel, mit dem Ausbau der Sozialgesetzgebung und der Unterstützung der christlichen Gewerkschaften die SPD zu isolieren. Im Juli 1899 wird die einheitliche Höhe der Invalidenrenten festgelegt; dabei stimmen die Reichstagsabgeordneten der SPD erstmals einem Sozialgesetz zu.

Das Gesetz zur Gewerbeordnung vom 1. Juni 1901 führt die Sonn- und Feiertagsruhe für Arbeiter in der Industrie und im Baugewerbe ein, verbietet die Kinderarbeit unter 13 Jahren, verbessert den Mutterschutz und untersagt die Nachtarbeit. 1903 wird die Krankenunterstützung von 13 auf 26 Wochen verlängert. Die Gesetze über obligatorische Gewerbegerichte von 1901 und Kaufmannsgerichte von 1904 sollen Arbeitskonflikte friedlich regeln und erkennen die Gleichberechtigung der Arbeiter als Vertragspartner der Unternehmer an. Den Bergarbeitern werden als Folge des Bergarbeiterstreiks von 1905 neue Rechte zugestanden. Mit seiner Sozialgesetzgebung handelt sich Posadowsky allerdings die Abneigung des Kaisers und die Feindschaft der Konservativen ein.

Ein zentrales Feld der Sozialpolitik um 1900 ist die Gesundheitspolitik. Die gesundheitliche Lage der Bevölkerung verbessert sich in dieser Zeit grundlegend. Ausschlaggebend sind die Fortschritte der Medizin, die Einführung der Krankenversicherung und die steigende Zahl der Ärzte. Große Erfolge gelingen auf den Gebieten der Hygiene und der Seuchenbekämpfung. Wasserwerke und Kanalisationssysteme verhindern den Ausbruch von Typhus. Die Pocken werden durch Schutzimpfungen bekämpft. Für Pest und Cholera gelten strenge Seuchenbestimmungen, insbesondere an den Grenzen. Ein Netz von Heilstätten für Tuberkulosekranke entsteht. Die Eindämmung der Infektionskrankheiten und der Rückgang der Säuglingssterblichkeit lassen die Bevölkerung von 35 Mio. im Jahr 1850 auf 65 Mio. im Jahr 1910 wachsen.

Auch die Städte und Gemeinden übernehmen wichtige Aufgaben in der Gesundheitsfürsorge, zum Beispiel durch die Einrichtung von Gesundheitsämtern. Mit dem "Gesetz betreffend die gemeingefährlichen Krankheiten" vom 30. Juni 1900 wird ein "Reichsgesundheitsrat" eingerichtet, der von nun an umfassende Beratungsaufgaben wahrnimmt.

Die wichtigsten sozialpolitischen Erfolge während der Regierungszeit Wilhelms II. gelingen kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Am 19. Juli 1911 werden Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung zu einem einheitlichen Gesetz, der Reichsversicherungsordnung, zusammengefasst. Die neu eingerichteten Versicherungsämter, die paritätisch mit gewählten Beisitzern der Arbeitgeber und der Arbeiter unter Vorsitz eines Beamten besetzt sind, übernehmen die Schadenfeststellungen und setzen die Höhe der Unfallrenten fest.

Gleichzeitig werden die Leistungen für die Versicherten verbessert. Krankenversichert sind von nun an auch landwirtschaftliche Arbeiter, Hausgewerbetreibende, Wandergewerbebeschäftigte und Hausangestellte. In der Invaliditäts- und Altersversicherung wird die Versorgung der Hinterbliebenen eingeführt: Künftig erhalten auch Witwen und Waisen eine Rente.

Das Versicherungsgesetz für Angestellte vom 20. Dezember 1911 garantiert den Angestellten eine eigene soziale Absicherung. Bis zu diesem Zeitpunkt sind Angestellte mit einem Verdienst zwischen 2.000 und 5.000 RM nicht versichert. Dies wird nun nachgeholt – mit höheren Beiträgen und Leistungen als in der Arbeiterrentenversicherung und um die Angestellten "gegen die Agitation der Sozialdemokratie und der sozialistischen freien Gewerkschaften" zu immunisieren.

Mitglieder der Krankenversicherung
Jahr Mitglieder
1885 4,3 Mio.
1890 6,6 Mio.
1900 9,5 Mio.
1914 14,6 Mio.


Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 entstehen neue Herausforderungen für den Sozialstaat. Als Reaktion auf die kriegsbedingten Notstände entsteht oberhalb der Armenfürsorge eine sogenannte Kriegswohlfahrtspflege. Diese unterstützt neue Gruppen von Bedürftigen, deren Not allein durch den Krieg begründet ist. So steigt aufgrund der Mobilmachung in bestimmten Branchen die Arbeitslosigkeit rapide an, außerdem müssen Kriegsversehrte sowie die Hinterbliebenen von Gefallenen versorgt werden.

Auch die Sozialpolitik jener Jahre steht im Zeichen des Krieges. Bereits am 4. August 1914 wird der Arbeitsschutz für Kinder, Jugendliche und Frauen aufgehoben. Für Frauen und Jugendliche werden Doppelschichten mit zwölfstündiger Arbeitszeit eingeführt. Ebenso wird Sonntagsarbeit üblich. Rohstoffmangel führt aber auch zu einigen Verbesserungen im Arbeitsschutz: In Bäckereien wird am 5. Januar 1915 das Nachtbackverbot eingeführt, am 12. Dezember 1916 die Ladenschlusszeit auf 19 Uhr festgesetzt. Die Altersgrenze in der Invaliden- und Altersversicherung wird durch das Gesetz vom 12. Juni 1916 von 70 auf 65 Jahre herabgesetzt.

Die Gewerkschaften gewinnen an Einfluss, denn sie werden zu Maßnahmen der Kriegswirtschaft, zur Beratung sozialer Einrichtungen, selbst zu Polizeidiensten herangezogen. Mit dem Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5. Dezember 1916 erhalten sie ein Mitspracherecht in den Betrieben und sind nun gleichberechtigte Verhandlungspartner der Arbeitgeber. In Betrieben mit mehr als 50 Arbeitern werden gewählte Arbeiterausschüsse gebildet – der Einstieg in eine innerbetriebliche Mitbestimmung.

Je länger der Krieg anhält, umso mehr verschlechtern sich die Lebensbedingungen. Die englische Seeblockade führt zu einer Verknappung der Lebensmittel, im berüchtigten "Steckrübenwinter" 1916/17 bricht eine Hungersnot aus. Die Grippe-Epidemie des Jahres 1918 fordert Tausende von Opfern. Unter dem Eindruck der drohenden Niederlage verlangen die militärischen Führer Hindenburg und Ludendorff im Oktober 1918 überstürzt die Parlamentarisierung des Kaiserreichs. In die neue Regierung des Reichskanzlers Max von Baden werden Vertreter der Parteien berufen. Die Niederlage ist jedoch nicht mehr aufzuhalten, und die Novemberrevolution verändert endgültig grundlegend die politischen Verhältnisse.

- Zum Abschnitt Wilhelm II. im Audiorundgang durch die Dauerausstellung
- Fragebögen und Lösungsheft "In die Zukunft gedacht" bestellen
- Unterrichtseinheit mit Arbeitsblättern bei Lehrer-Online
- Kaiserreich (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)
- Aufstieg der Gewerkschaften (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)
- Gesundheitspolitik (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)
- Reichsversicherungsordnung 1911 (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)
- Sozialpolitik gegen Sozialdemokratie (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)
- Technischer Fortschritt (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)
- Erster Weltkrieg und Ende des Kaiserreiches (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)
- Hygiene (Gebärdenfilm zur Ausstellung in Berlin)

Unterrichtsmaterialien

- Fragebogen 4, Wilhelm II. und Erster Weltkrieg PDF, 856,82 kB

Meine Kommentare

Kommentieren

Zum Seitenanfang

Dokumentenliste

Alle Dokumente anzeigen

Zeitgenössisches Porträt.
© SZ-Photo / Scherl

Café Bauer, Berlin, Unter den Linden. Holzstich, Friedrich Stahl, um 1890.
© AKG-Images

Bürosaal, Foto, um 1900.
© ullstein bild